LESEPROBEN-
 
LESEPROBE 1: "DIE FLIEGE", Kurzgeschichte


LESEPROBE 2: "DER TURM", Kurzgeschichte

LESEPROBE 3: "UNTERWEGS AUF SECHS BEINEN", Kurzgeschichte

LESEPROBE 2: "LILLSETRENGS ERWACHEN", Kurzgeschichte

 
Die Leseproben unterliegen selbstverständlich dem Urheberrecht und sind an dieser Stelle ausschließlich zur Unterstützung des "WOW - WORLD OF WORDS" - Projektes veröffentlicht. Sie sollen Ihnen einen Eindruck vermitteln von meinem persönlichen Schreibstil und als Anregung für eigene Geschichten dienen, die ich ggf. in Ihrem Auftrag für Sie schreiben werde.

 

Leseprobe 1: "DIE FLIEGE"

Kleine Ursache - große Wirkung...

Versunken im Ohrensessel saß ich in einer fast liegenden Position und las ein Buch, ziemlich dick, Fantasy. Nichts lenkte mich von der spannenden Handlung ab, kein tropfender Wasserhahn und auch kein unsortiertes Herumpoltern der Nachbarn.

Während ich mich immer tiefer in die Lektüre vergrub, machte meine periphere Wahrnehmung ein unangenehm brummendes Geräusch am halboffenen Fenster aus und schickte den Scan prompt an das aktuelle Verarbeitungszentrum der kreativen Hirnhälfte. Das lenkte mich augenblicklich von der aktionsreichen Handlung ab.

Mein Kopf ruckte hoch und in Richtung Geräusch, eine Fliege. Natürlich, was sonst.
Sie war eine von den Halbstarken, die man nur äußerst schwer zu fassen bekam; vorwitzig, flugtechnisch überaus begabt und widerlich unnachgiebig, wenn es darum ging, auf meiner nackten Haut herumzurüsseln.
Ich stand nahe vor dem Wahnsinn. Mit einer Zeitung wischte ich ungelenk hinter ihr her, während sie mir in einem pirouettenhaft geschraubten Salto ihr schwarzbehaartes Heck zeigte. Miststück!

Es wurde Zeit, härtere Geschütze aufzufahren. Ich nahm mir ein Gummiband aus dem Nähkästchen und die Verfolgung auf, quer durch das Zimmer, und eine Spur der Verwüstung hinterlassend.
Die Fliege ihrerseits putzte sich überkopf an der Decke zwischendurch ihre Flügel und schien desinteressiert. Ich nutzte den schwachen Moment und legte unverzüglich auf sie an.
Leider kam mir der Tisch in die Quere. Gerade als ich das Gummi flutschen lassen wollte, stolperte ich über die Tischkante und schlug der Länge nach hin, Bein gebrochen, Krankenhaus...

In sanften Kurven summt die Fliege jetzt durch die leere Wohnung. Niemand hört sie, keiner stört sie...

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Leseprobe 2: "DER TURM"

Eine Vorgeschichte aus dem deutschen Sagengut...

Leise knarrend bewegte sich das verwitterte Gebälk des uralten Turms im Wind, als einige stärkere Böen durch die abenteuerliche Dachkonstruktion fegten.
Die bizarre Bedeckung war im Laufe der Zeit schon oft ausgebessert worden. Stoffreste, Reisig, Moos und Lehm bildeten eine feste, undurchdringliche Schicht, die jeder noch so schlechten Wetterfront trotzte.
Lose Zweige klapperten mit nassen, flappenden Stofffetzen um die Wette, wenn die häufigen, stürmischen Wind-Attacken das Dach heftig durchschüttelten.
Es war ein kraftvoller Kampf zwischen zwei gleichstarken Gegnern. Rütteln und Zerren auf der einen Seite, Trotz und Stabilität auf der anderen.
Durch die Erosion vieler Jahrhunderte war der Turm mürbe und brüchig geworden. Das hinderte die Ruine aber nicht daran, auch weiterhin das greise Haupt in den Wolken verhangenen Himmel zu recken.

Sven Hællgård seufzte und wandte sich Kopf schüttelnd von dem absonderlichen Bauwerk ab. Die Männer, die ihn begleiteten, waren ohne Ausnahme furchtlose Krieger und immer zum Kampf bereit. Doch an diesem beklemmenden Ort gab es keine Angreifer, die im Hinterhalt lauerten.
"Wer von euch jetzt noch glaubt, dass dieser Ort verflucht ist, braucht sich nur mal umzusehen. Hier ist rein gar nichts, was der Mühe wert wäre!" Nur schwer konnte Sven seine Enttäuschung verbergen. Es schmeckte ihm überhaupt nicht, in die Irre zu laufen. Keine der alten Legenden bestätigte sich, weder die Geschichten über einen verborgenen Schatz noch das Gerücht, dass jeder beim Anblick des Turms augenblicklich zu Stein wurde. "Trotzdem schlage ich vor, eine kurze Rast einzulegen. Es ist noch früh..."
"Hey Sven, sieh mal da drüben!" rief Arne Thorsson, ein baumlanger Krieger, mit aufgeregter Stimme. "Das mußt du dir unbedingt ansehen, sieht aus wie Schiffswracks!" Aufgeregt wedelte er mit seinem vernarbten, linken Arm in die entsprechende Richtung, während die anderen aufsprangen und neugierig näher kamen.
"Sind tatsächlich Schiffe", brummte Sven nach einer Weile und nahm die Hand von der Stirn, "so weit man das erkennen kann, in einem ziemlich schlechten Zustand.
Arne und Erik! Ihr Zwei geht nachsehen. Wir werden inzwischen hier weiter nach einem Schatz suchen."

Es war finster zwischen den dicht gedrängten Bäumen. Die zwei Männer blieben eng beisammen, redeten nicht und sperrten Augen und Ohren auf. Sie hatten Angst, auch wenn keiner es jemals vor dem anderen zugeben würde. Dieser Ort war unheimlich.
Verbissen kämpften sich Arne und Erik fast einen halben Tag durch das dornige Unterholz. Sie kamen dabei nur langsam voran und stolperten oft genug über verborgene Baumwurzeln.
Immer wieder rissen dornige Brombeerranken an ihrer Kleidung und schlitzten blutige Striemen über die ungeschützte Haut. Es war ein zähes, mühsames Ringen, das den beiden Kriegern alles abverlangte. Dann waren sie aus dem Wald heraus.
Schweratmend blieben sie an der vordersten Baumlinie stehen und genossen für einen kurzen Moment die frische Brise, die vom Meer herüberwehte. Kurz darauf entdeckte Arne am Ende der Bucht den Schiffsfriedhof.
Der Zahn der Zeit hatte den mehr als zwei Dutzend Wasserfahrzeugen übel mitgespielt. Sie waren kaum noch mehr als ein verrottender Haufen Brennholz mit geringem Heizwert.
"Was suchen wir hier überhaupt?" knurrte Erik, dem deutlich anzusehen war, wie wenig er von dem Ausflug hielt.
"Deinem vom Met vernebelten Verstand ist wohl entgangen, dass die Rümpfe hier alle aufgerissene Flanken haben. Also mir gibt das zu denken." Arne zog die Stirn kraus und wartete auf eine Antwort.
"Riffe vielleicht?" versuchte Erik vorsichtig seinen Patzer auszubügeln.
"Hier, in diesem Teil der Nordsee? Hör ich zum ersten Mal." Im Stillen schüttelte Arne den Kopf. Irgend etwas ging in diesen Gewässern nicht mit rechten Dingen zu.
"Was könnte sie sonst so zurichten, wenn nicht ein steinernes Hindernis unter Wasser", murmelte Erik und ließ seine Augen über die Wracks schweifen. "Ich sehe keine Brandspuren und auch sonst nichts, was auf einen Kampf hindeutet. Nicht ein einziger Knochen, und auch keine Waffen und Kleider. Sehr seltsam..."
Sie teilten sich und nahmen sich die havarierten Schiffe einzeln vor. Die staubtrockenen Trümmer waren überwiegend halb im weißen Sand verborgen. Sie mußten schon eine ganze Weile hier liegen. In sämtlichen Laderäumen herrschte gähnende Leere, und es roch nach Muscheln und Seetang. Das war aber auch schon alles.
Drei der gestrandeten Segler sahen nicht so beschädigt aus wie anderen. Sie schienen vor nicht allzu langer Zeit aufgelaufen zu sein. Doch auch hier gab es sonst nichts zu sehen.
Selbst die von Seepocken und Algen überzogenen Planken, die in der sanften Dünung dümpelten, wurden genauer untersucht. Aber immer wieder bot sich das gleiche Bild. Kein einziger Hinweis tauchte auf, der Licht in das Rätsel brachte.
Die Kratzspuren, die Erik schließlich an einer Planke entdeckte, trugen nur noch mehr zur Verwirrung bei. Sie stammten eindeutig nicht von Tierkrallen.
Inzwischen legte der Wind kräftig zu. Er trieb dunkelgraue Wolkenbänke am eben noch blauen Himmel zu einem Unwetter zusammen und wühlte die schwappende Nordsee immer mehr auf. Schon bald zogen lange, braunschaumige Wellenkämme gegen die Inselküste und brachen sich mit rauschendem Rollen am sandigen Ufer. Weiter oben versickerte das Salzwasser unter zischendem Brodeln und Blubbern im feuchten Sand.
Fast entstand der Eindruck, dass das Meer den Spähtrupp zu vertreiben versuchte. Das war gar nicht mehr nötig, denn Arne und Erik hatten der Szene schon den Rücken zugekehrt.

Sven Hællgård war ratlos. Schon seit Stunden versuchten sie mit allen Mitteln, in den Turm hinein zu kommen. Es gab weder eine Tür, noch Fenster oder sonstige Öffnungen, durch die sie hätten eindringen können. Sie fällten einen mächtigen Baum und benutzen ihn als Ramme. Als das auch nichts brachte, versuchten sie einen Tunnel unter den Grundmauern hindurchzugraben. Denn nach wie vor vermuteten sie den Schatz in seinem Innern.
Mit ihren Äxten wühlten sie sich in die Erde, obwohl sie mit ihnen lieber einige Schädel gespalten hätten. Das Fundament schien endlos in den Boden zu reichen. Je tiefer sie gruben, desto größer wurde der Unmut. Es war es nur eine Frage der Zeit, bis der erste Streit ausbrach.
"Ich schlage dir deine beiden letzten Zähne auch noch aus, wenn du mich nochmal mit Dreck bewirfst", drohte Gunnar Ulbrandsson, ein Muskel bepackter Gigant, der aus der Bauernsiedlung Jarlshof stammte und zu Svens treuesten Verbündeten gehörte. "Wozu hast du deine Augen im Kopf. Du brauchst nur Bescheid zu sagen, wenn du sie nicht mehr brauchst!"
"Ach, stell dich gefälligst nicht so an", grollte Berwyn zurück, "war doch keine Absicht."
Kaum hatte Berwyn das ausgesprochen, heulte Gunnar wütend auf und stürzte sich mit ausgebreiteten Armen auf seinen Kontrahenten. Im Handumdrehen war eine wilde Keilerei im Gange, an der sich nach und nach alle Männer beteiligten.
Der Befehlshaber ließ sie gewähren. Er begriff gleichzeitig, dass es ein Fehler gewesen war, diese verdammte Insel zu betreten.
Stumm betrachtete er die Streitereien und überlegte, ob die Auseinandersetzungen das Ergebnis eines Fluches sein könnten. Grübelnd ging er einige Schritte die Anhöhe hinunter.
In diesem Moment hörte er hinter sich lautes Geschrei. Er drehte sich um. Alles war plötzlich voller Nebel, der ihm schon bis zu den Knöcheln reichte und immer höher wallte. Nacheinander verstummten die Schreie.
Als Sven sah, dass er dem substanzlosen Angreifer nicht entkommen konnte, sprang er mit einigen grotesken Hüpfern mitten durch den wallenden Nebel und kletterte kurz entschlossen an der bröckeligen Außenmauer der Ruine hoch.
Wenig später verharrte Sven Hællgård auf dem Dach des Turms und beobachtete, dass die weiße Wand unter ihm über die gesamte Anhöhe kroch. Nachdem sie den äußeren Rand der Bäume berührt hatte, löste sich die Nebelglocke unerwartet und blitzartig auf.
Es war niemand mehr zu sehen, und von der Ausrüstung fehlte ebenfalls jede Spur, so weit das von hier oben zu erkennen war.
Sven brüllte die Namen seiner Begleiter. Niemand antwortete. Er rief weiter, auch wenn das vielleicht nichts mehr nutzte. Irgendwann bemerkte er aus den Augenwinkeln, dass sich ein größeres Schiff dem Eiland näherte.
Jetzt ging es nur noch darum, irgendwie die eigene Haut zu retten, bevor es Nacht wurde. Sven ahnte, dass es nicht gut war, in unmittelbarer Nähe des Turms auf die Dunkelheit zu warten.
Er überlegte fieberhaft, wie er die Mannschaft des näherkommenden Schiffes auf sich aufmerksam machen konnte und entschloß sich nach kurzem Zögern, den Turm einfach anzuzünden. Ob das eine gute Idee war, würde er dann sehen. In jedem Fall mußte er hier weg, denn alleine konnte er sein Schiff kaum vom Strand wegbewegen. Hastig arbeitete er sich nach unten und setzte den Gedanken sofort in dieTat um.
Das erste kleine Flämmchen leckte an einem mürben Stück Stoff hoch, das er durch die Zündfunken des Feuerschlägers entfacht hatte.

Arne und Erik sahen den lichterloh brennenden Turm schon vom Strand aus. Ohne den Schreck abzuwarten, sahen sie sich kurz an und rannten schnell in das Zwielicht der Bäume zurück.
Der düstere Wald war jetzt noch dunkler, und die Dornenhecken viel zahlreicher als auf dem Hinweg. Mit aller Gewalt kämpften sich die beiden durch das dichte Unterholz. Die Brombeeren wehrten sich mit einer Vehemenz gegen die Eindringlinge, die kaum etwas Natürliches hatte. Immer feinmaschiger wurde das unwegsame Geflecht der Dornentriebe. Arne und Erik wurden zunehmend langsamer.
Am Ende blieb nur noch ein rohes Zerren und Reißen, denn die Schwerter und Messer waren nutzlos. In dem filzigen Dickicht konnten sie nicht zum Schlag ausholen. Außerdem blieben sie mit ihren langen Bärten ständig zwischen den wehrhaften Trieben hängen.
"Bei Odins Gebeinen!", knurrte Arne und wischte sich das Blut von der Stirn, wo ihn eine der vielen Stachelpeitschen getroffen hatte. Er grunzte etwas Unverständliches und packte wutschnaubend ein weiteres Bündel der Beerenranken. Wie ein Berserker riß er daran, doch ohne Erfolg.
Dreißig Schritte weiter war ihre Reise abrupt vorbei. Eine grüne, undurchdringliche Mauer versperrte ihnen den Weg. Panik kam auf, als sie erkannten, dass sie nicht mehr vor und zurück kamen. In ihrem Rücken gab es ebenfalls nur noch dieses schreckliche Zeug.
Arne und Erik verhedderten sich hoffnungslos und blieben endgültig stecken. Sie hingen fest. Gefangen wie Fliegen in einem Spinnennetz. Die dornigen Finger würden die (...ihre?) tödliche Umklammerung nicht mehr lösen, und den Kriegern blieb nichts anderes übrig, als hier auf ihr Ende zu warten...

Wie ein ausgehungerter Drache fraß sich die rasch größer werdende Lohe an den mürben Efeu-Lianen empor und breitete sich mit beängstigender Geschwindigkeit innerhalb weniger Herzschläge brüllend über den gesamten Turm aus.
Erschrocken wich Sven zurück, um nicht von den Flammen erfaßt zu werden. Mit gemischten Gefühlen starrte er abwechselnd zum Schiff hinüber und dann wieder auf die kreischende Feuersbrunst vor ihm, die das Bauwerk mittlerweile vollständig umhüllte.
Eigenartigerweise verbrannten die einzelnen Bestandteile nicht. Lediglich die Stoffreste im Dach versengelten zu umherschwebender Asche. Das Flammenmeer fraß etwas Unbekanntes, um am Leben zu bleiben.
Wie gebannt starrte er auf das das gefräßige Inferno, das den Turm selbst nicht versehrte, nahm sich aber nicht die Zeit, das unerklärliche Phänomen zu ergründen. Statt dessen erwachte er aus seiner Starre, als er bemerkte, dass das Schiff mit direktem Kurs auf die Küste zuhielt. Offenbar war das Feuer vom Ausguck entdeckt worden.

An Bord des norwegischen Piratenschiffs "Miölnir" rieben sich die Seeleute vorfreudig die Hände, als sie den brennenden Turm entdeckten. Schon oft in diesen finsteren Zeiten hatten ihnen feurige Schauplätze den Weg zu lohnender Beute gewiesen. Das war Grund genug, auch jetzt die Reise zu unterbrechen.
"Sieht aus, als ob da Kupfer brennt", meinte einer der Piraten nachdenklich und rieb sich das bärtige Kinn, "vielleicht gibt es dort irgendwo eine Ader."
"Wo Kupfer ist, gibt es bestimmt auch Gold und Silber", lachte ein anderer Freibeuter, der nicht weit entfernt an der Reling lehnte. Er rammte sein Holzbein geräuschvoll auf das Deck und humpelte wieder zu der Taurolle zurück, die er beim Anblick des brennenden Turm fallengelassen hatte.
In dem Augenblick, als das Langschiff die Südbucht erreichte, erlosch das Turmfeuer unerwartet. Dann sahen alle den Friedhof der havarierten Wasserfahrzeuge und erschraken zutiefst.
"Ruder hart Backbord!" befahl Peersson Thorwald, der Schiffsführer, seinem Steuermann mit schneidender Stimme.
Schwerfällig drehte sich die tief liegende "Miölnir" wieder in den Wind und hielt langsam auf die offene See zu. Doch es war schon zu spät.
Ein Nerven zerfetzendes Bersten und Splittern ertönte aus dem Bauch des Norwegers, der sich mit weit aufgerissener Seite nach Backbord neigte und tödlich verletzt umzukippen drohte.
Innerhalb weniger Augenblicke lief der Laderaum sprudelnd voll Wasser und zog das waidwunde Piratenschiff langsam, aber unerbittlich unter die Oberfläche. Das verdammte Riff, wo auch immer es hergekommen war, hatte ganze Arbeit geleistet.
In heilloser Panik sprangen die ersten Seeleute schreiend über Bord, um sich an die Küste zu retten. Sie erreichten sie nie.

Über die Baumwipfel hinweg verfolgte Sven Hællgård mit aschfahlem Gesicht, wie der Norweger in weniger als dreißig Schiffslängen vom Ufer plötzlich auf ein unsichtbares Hindernis auflief, bis in die Mastspitze erzitterte und sich auf die Seite legte. Dann sank er, schnell und lautlos, abgesehen von den weit entfernten Schreckensschreien der Unglücklichen.
Ungläubig und mit hängenden Armen betrachtete Sven den grauenvollen Zwischenfall. Er wußte irgendwie, dass keiner der Seeleute den Strand lebendig erreichen würde. Damit war auch sein Schicksal besiegelt.

Etwa ein Jahrhundert später landeten erneut Schiffe auf dem rätselhaften Eiland. Die Seeleute, die mit ihnen kamen, begannen ohne Umschweife damit, den Wald abzuholzen, um daraus Häuser zu bauen.
Der Turm, der sich allen Bemühungen, ihn zu entfernen, erfolgreich widersetzte, wurde im Laufe Zeit von den Häusern vollständig umschlossen. Die Ortschaft wuchs, und der Name Rungholt wurde schon bald allerorts mit neidischer Bewunderung ausgesprochen. Es hieß, dass die Bewohner der Insel geradezu in Reichtum badeten.
Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass die Kolonie von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Auch als sie zu voller Blüte gelangte, hatte niemand das Geheimnis des Turms lüften können. Zwei aufeinanderfolgende Sturmfluten besiegelten schließlich das Schicksal von Rungholt.
Zuletzt ragte nur noch die oberste Spitze des Turms eine ganze Weile aus den Fluten der Nordsee. Dann verschwand auch irgendwann dieser Rest auf Nimmerwiedersehen im Meer.

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Leseprobe 3: "UNTERWEGS AUF SECHS BEINEN"

Eine Welt für sich...

Der Sommer hatte im Mischwald vor kurzem endlich Einzug gehalten. Durch den schrecklich langen Winter und das viel zu kalte Frühjahr waren die Völker der Gräser, Ritzen und Furchen geschwächt. Das Nahrungsangebot war diesmal nicht so reichlich ausgefallen.
Für heute war vorgesehen, die Blattlauskolonien zu kontrollieren. Doch es regnete schon seit Stunden ohne Unterbrechung.
Die dicht fallenden Wassertropfen waren riesig, etwa fünfmal so groß wie eine Ameise, und sie explodierten förmlich, wenn sie mit voller Wucht auf den weichen Waldboden klatschten. Die feuchten Minidetonationen rissen Nadeln, Laub, kleinere Äste und Erde aus dem Untergrund und schwemmten das Material davon, wenn sich genug Wasser für ein Rinnsal angesammelt hatte.
Jeder einzelne Regentropfen erzeugte im Moment des Bodenkontakts einen nassen, unheimlichen Ton, der die Erde leicht erzittern ließ.
Alle Tropfen zusammen wirkten wie ein endloses Erdbeben, eine dumpf dröhnende Hintergrundmelodie, die gerade erst ausgebesserte Stollen wieder zum Einstürzen brachte und neue Löcher im Kuppeldach entstehen ließ.
Schon bald kam es im Nest zum ersten Wassereinbruch. Ein gurgelnder Sturzbach ergoß sich zerstörerisch in die Gänge der unteren Ebenen, überflutete sie vollständig und riß dabei zahllose Ameisen mit sich.
Nur dem selbstlosen Einsatz der eilig eingetroffenen Arbeiterinnen an der Unglückstelle war es zu verdanken, dass die Wassermassen nicht auch noch die Kammer der Königin erreichten.
Schließlich zog der Regen weiter.
Nach dieser Beinahe-Katastrophe gab es eine Menge zu organisieren und zu reparieren. Die Nahrungsbeschaffung hingegen wurde bis zum nächsten Tag verschoben. Bis dahin stellte das aufgeweichte Gelände eine kaum einzuschätzende Gefahr dar. Schon oft waren ganze Erkundungstrupps nach solchen lebensgefährlichen Unwettern spurlos verschwunden.
Die Roten Waldameisen nutzten diese Zeit, um die nötigsten Reparaturarbeiten am Nest auszuführen. Es entstand ein unglaublich emsiges, scheinbar planloses Durcheinander, das geschäftig durch die gesamte Anlage wimmelte. Jede einzelne Ameise wußte ganz genau, was sie zu tun hatte.
Als die Abenddämmerung über den Mischwald hereinbrach, waren alle eingestürzten Gänge repariert und die Löcher in der Deckschicht beseitigt.
In aller Frühe machte sich eine Melkabteilung in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf den Weg zu dem Zuckerahorn, wo in luftiger Höhe drei Blattlausherden süßen Pflanzensaft saugten. Sie lieferten dem Hort guten Zuckernektar, der ein wichtiger Energiespender war. Ohne diese wichtige Ergänzung in ihrem Speiseplan würde vieles schlechter im Leben der Ameisen laufen.
Die Truppe setzte sich in Bewegung. Als Begleitschutz wurde die Arbeiterinnen von einigen Soldaten flankiert, die mit aufgerichteten Beißzangen nebenher liefen. Ihre drohende Körperhaltung verhinderte die meisten Überfälle aus dem Hinterhalt.
Glücklicherweise blieb es trocken. Die gelbe Scheibe trocknete die letzten Spuren des Unwetters und wärmte auch die letzten starren Glieder, ein perfekter Tag.
Das sperrige Unterholz stellte die Ameisen wie gewohnt auf eine harte Probe. Verdorrte Blätter, Astreste und durch den Regen entstandene Furchen erschwerten das Vorankommen bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Mehr als einmal geriet der Zug ins Stocken, wenn ein Hindernis umgangen werden mußte oder sich hinter dem nächsten verdorrten Blatt ein unerwarteter Abgrund auftat, den es heil zu überqueren galt.
Später als sonst erreichten die Ameisen schließlich den Ahorn und wanderten ohne Verzögerung auf der noch schwach duftenden Spur vorangegangener Besuche in Richtung Krone.
Die Rinde war noch ein wenig glitschig und erschwerte das Vorankommen enorm. Selbst mit Krallen an den Füßen war es alles andere als leicht, auf der warzenübersäten Oberfläche senkrecht in die Höhe zu klettern. Immer wieder liefen kleine, laut blubbernde Rinnsale mit einer großen Bugwelle im Zickzack am Stamm hinunter und führten einige Male fast zur Katastrophe.
Als die Ameisen die erste Abzweigung erreichten, folgten sie ihr sicher nach links. Hier oben, näher an der gelben Scheibe, wurde der Untergrund immer trockener und die Arbeitsgruppe kam endlich schneller voran.
Sie hatten etwa Dreiviertel des Weges zurückgelegt, als es zu einer unangenehmen Begegnung kam. Schnell duckten sich die Ameisen in den Schatten eines beblätterten Zweiges und wurden Zeugen einer grausigen Vorstellung.
Hinter einem größeren Blatt, das von der hell scheinenden Sonne durchleuchtet wurde, zeichnete sich der Umriss einer Jagdspinne ab, die geräuschvoll den aufgelösten Inhalt eines erbeuteten Laufkäfers schlürfte. Selbst die schlechten Augen der Ameisen konnten jede Einzelheit des schaurigen Schattenspiels erkennen.
Behutsam zogen sie sich zurück, wanderten auf die Unterseite des Astes und verließen die gespenstische Szene, so schnell sie konnten.
Diese gefleckten, haarlosen Ungeheuer konnten weit und zielsicher springen. Sie waren dreimal größer als eine Waldameise und ziemlich gefräßig. Außerdem besaßen die Jäger ein weiteres Beinpaar und waren um einiges schneller als die Ameisen, deren Laufapparate zudem kürzer als die der Spinnen waren.
Als emsigen Krabbler ihre erste Kolonie erreichten, bot sich ihnen ein trostloser Anblick. Nicht eine einzige Blattlaus war zu sehen, bis auf einen verwischten grünen Fleck, der verloren auf einem der angewelkten Blätter glitzerte.
Unter gebotener Vorsicht suchten die Ameisen schleunigst die zweite Herde auf, die auf der anderen Seite der Krone weidete. Keine leichte Sache, wenn sich hungrige Jagdspinnen im Geäst herumtrieben.
Glücklicherweise kam es zu keinem Zwischenfall. Die Blattläuse waren noch da und saugten friedlich an den mittlerweile ziemlich mitgenommen Blättern der näheren Umgebung. Viel Pflanzensaft gab dieser Platz nicht mehr her.
Nachdem sich die Ameisen ausgiebig an den süßen Ausscheidungen gestärkt hatten, schnappte sich jede mit den Zangen vorsichtig eine der Blattläuse und trug sie zum nächsten Weideplatz. Nur die Soldaten blieben ohne Fracht. Sie mußten die Umsiedelung bewachen und brauchten für den Ernstfall Bewegungsfreiheit. Außerdem waren ihre Zangen eher dazu geeignet, einen Angreifer in zwei Teile zu zerlegen, als eines dieser zarten, grünen Geschöpfe zu tragen.
Während die Soldaten an der Spitze darauf aufpassten, dass es nicht zu unangenehmen Überraschungen kam, bahnte sich am Ende der Ameisenschlange in diesem Moment genau das an.
Eine der Arbeiterinnen kam unerwartet aus dem Tritt, rutschte mit den Hinterbeinen weg und fiel einfach in die Tiefe. Verzweifelt hielt die Ärmste ihren Passagier, die leise wimmernde Blattlaus mit den Beißwerkzeugen umklammert, während sie wie ein beinahe schwereloses Blatt in den scheinbar bodenlosen Abgrund trudelte.
Eine plötzliche Windböe fauchte durch den Wald und trieb die unglückliche Ameise noch weiter vom Ahorn ab. Kurz vor dem Ende ihres Sturzes prallte sie unsanft gegen einen Zweig, der sich mitten in ihrer Flugrichtung im Wind wiegte und verlor die Blattlaus durch den harten Zusammenstoß. Hilflos sah die Arbeiterin, wie die Laus ängstlich quietschend zwischen einigen verottenden Blättern verschwand. Genau in diesem Moment endete auch für die Ameise der freie Fall.
Obwohl die meisten Insekten aus hartem Chitin geschnitzt waren und deswegen auch einiges vertragen konnten, war der Aufprall so hart, dass sie einige Körperlängen wieder in Höhe federte, wild zappelnd in der Luft umhertrudelte und ungewollt genau in eine dunkle Lücke zwischen rottenden Blättern des Waldbodens stürzte.
Von einem Augenblick zum anderen befand sich die Arbeiterin in einem Revier, in dem sie die Nahrung war. Deshalb verlor sie keine Zeit und arbeitete sich unter Aufbietung sämtlicher Kraftreserven aus der zähen Humusschicht.
Kaum hatte sie das Tageslicht wieder erreicht, lief sie zu der Stelle, wo die Blattlaus verschwunden war. Das gestaltete sich alles andere als leicht, denn das Gelände war mit einem Gewirr halb zersetzter Laublätter nahezu übersät, wodurch es für die wesentlich kleinere Ameise fast unmöglich wurde, eine genaue Positionsbestimmung durchzuführen.
Nach einer anstrengenden Kletterpartie durch den Blätterdschungel fand sie den Platz, wo ihr Schützling verschwunden war.
Mit unglaublicher Kraftanstrengung zwängte sie sich zwischen den Hindernissen hindurch und roch beinahe gleichzeitig die süßen Ausscheidungen ihres Schützlings. Gerade noch rechtzeitig. Denn ein kleiner, bunter Käfer hatte die Blattlaus bereits entdeckt und augenblicklich für lecker befunden. Doch er wurde um Haaresbreite enttäuscht.
Die Arbeiterin rettete die Blattlaus im letzten Moment aus der mißlichen Lage, krabbelte mit ihr an die Oberfläche und stellte nach kurzer Untersuchung fest, dass ihr nichts weiter geschehen war.
Ohne weitere Verzögerung machte sich die Arbeiterin auf den gefahrvollen Rückweg. Hier im unübersichtlichen Unterholz und auf sich selbst angewiesen ging sie damit ein ziemlich hohes Risiko ein. Andererseits blieb ihr gar nichts übrig, wenn sie überleben wollte.
Intensiv beroch sie mit ihren Fühlern die nähere Umgebung, um einen Eindruck von der Situation zu erhalten. Das war einigermaßen schwierig, denn die Ausdünstungen anderer Tiere überlagerten die feinen Geruchstraßen der Ameisen, die sich kreuz und quer durch den Wald zogen.
Schließlich fand sie einen vagen Hinweis und krabbelte im Schutz einer ausgedehnten, betäubend duftenden Waldmeistermatte in die Richtung, wo der Ahorn wuchs. Unterwegs begegnete sie vielen seltsamen Kreaturen, die im Halbdunkel des Kräuterhains lebten. Diese liefen zumeist schnell davon, denn Ameisen waren weithin dafür bekannt, dass sie auch andere Insekten nicht verschmähten. Sie konnten ja nicht wissen, dass die kleine Abenteurerin im Augenblick keine Zeit für sie hatte.
Als die Arbeiterin mit ihrer Fracht etwa die Hälfte des anstrengenden Weges durch die wild zerklüftete Landschaft des Waldbodens zurückgelegt hatte, kam es zu einer brenzligen Situation.
Wie aus dem Nichts kreuzte plötzlich ein riesiger Tausendfüßler ihren Weg und wurde sofort auf das merkwürdige Duo aufmerksam. Neugierig und zweifelsohne hungrig, kam der gepanzerte Vielfußwurm rasch näher.
In wenigen Augenblicken wuchs das Tier zu einem gigantischen Schatten heran, und die Arbeiterin sah das scheußliche, feucht glitzernde Freßwerkzeug, das schon fast ihr gesamtes Gesichtsfeld ausfüllte. Sie war so starr vor Schreck, dass ihre Beine versagten.
Doch genau in der Sekunde des Zubeißens verschwand der gefährliche Räuber unerwartet nach oben. Ein großer Schnabel hatte ihn gepackt, quetschte ihn und verschlang ihn mit großem Appetit.
Der Eichelhäher war so mit dem zappelnden Happen beschäftigt, dass er nicht auf das achtete, was um ihn herum vorging. Die Ameise erwachte aus ihrer Lähmung, nutzte die Gelegenheit und rannte schnell davon. Dabei hielt sie die fortwährend wimmernde Blattlaus mit sanfter Gewalt fest.
Als sie schließlich sicher war, dass sie nicht verfolgt wurde, hielt sie an, um die Richtung erneut zu peilen. Nach kurzer Orientierung stellte sie fest, dass sie sich auf ihrer panischen Flucht nicht verirrt hatte. Sie war noch auf dem richtigen Weg, aber noch nicht außer Gefahr.
Ein lautes schnaufendes Schnüffeln wühlte sich hinter ihr durch das Unterholz und die Arbeiterin zuckte im Reflex herum. Sie kannte dieses Geräusch und das Wesen, zu dem es gehörte. Und sie fürchtete es mehr als alles andere.
Ohne abzuwarten, bis sie entdeckt wurde, lief sie auf einen Steinhaufen zu, um sich dort zu verstecken. Mit ihrer Fracht war die Ameise nicht schnell genug, um dem Igel zu entkommen. Sie mußte warten, bis sich der Stachelpelz wieder verzogen hatte.
Im Innern des Verstecks war es feucht, dunkel und kühl. Viele hungrige Facetten begutachteten das zarte Geschöpf und den Passagier, den es bei sich trug. Fast alle wußten, dass man sich mit Ameisen besser nicht anlegte. Denn wo eine war, konnten die anderen auch nicht weit sein. Nur diesem Umstand hatte es die Arbeiterin zu verdanken, dass sie nicht aus dem Hinterhalt angegriffen wurde.
Es dauerte eine ganze Weile, bis der Eindringling wieder weg war. Die pieksige Fressmaschine war gerade auf eine Gruppe von Pilzen gestoßen, denen sie gierig zu Leibe rückte. Unter behaglichem Schmatzen wanderte ein Brocken nach dem anderen in den Magen des Allesfressers. Zurück blieben einige kümmerliche Stielreste und ein satter Igel, der träge um sich blinzelte. Dann trollte er sich endlich und die Arbeiterin verließ ihr Versteck, um den den Rest des Rückweges in Angriff zu nehmen. Weit konnte es nicht mehr sein, denn roch die Duftspuren ihrer Artgenossen schon deutlicher als zuvor.
Glücklicherweise kam es auf dem letzten Stück der Zielgerade zu keiner weiteren unangenehmen Begegnung.
Flink folgte die Arbeiterin den Informationen auf der Borke und stieß schließlich auf ihre Gruppe, die sich inzwischen schon wieder auf dem Rückweg befand. Einer der Soldaten zeigte der Arbeiterin den neuen Weidegrund, während die anderen darauf warteten, dass die beiden wieder zurückkehrten.
Im Hort angekommen, wurde die Nachricht verbreitet, dass eine der Blattlauskolonien überlebt hatte. Die selbstlose Tat der Arbeiterin wurde dagegen nicht erwähnt. Im Leben von Ameisen gab es keinen Platz für die Leistung einzelnen Nestbewohnern. Nur die Gemeinschaft als solches zählte.
Nachdem die chemische Botschaft des Melktrupps auch bis in den hintersten Winkel des Hortes gedrungen war, nahm das Volk im Ameisenhügel seine Arbeit wieder auf...

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Leseprobe 4: "LILLSETRENGS ERWACHEN"

Eine quirlige Kurzgeschichte...

In einer sulianischen Taverne voller Lillsetrengs lirbte Horendirarick Kamblaran, der so etwas ähnliches wie eine Mischung aus Kammerjäger und Rattenfänger von Hameln war, schon seit einigen Ghetas auf einer antiken Fatalanga herum und entlockte ihr kohte, slopisamule Töne in einem warmen, weichen und schwebend vorgetragenen Sound voller Scheilahlischihl. Die Lillsetrengs lauschten seit etwa fünfzehn Gethas mit offenen Mündern und unnatürlich geweiteten Augen auf die mystische Kraft der krummhornigen Fatalanga. Einige wiegten versonnen ihren Sekundär-Thorax und versetzten ihn durch gleichzeitiges Brummen mit der scherenartigen Chitinfalte auf der linken Körperseite in meditative Schwingungen, während der Primär-Thorax die Musik wie eine gigantische Amplitude in sich aufnahm.
Horendirarick Kamblaran grinste in sich hinein, als er die größer werdende Schar von Entrückten betrachtete. Nur noch wenige Passagen aus dem sich steigendernden Crescendo von unglaublich harmonischer Tonvielfalt und drei Viertel der Lillsetrengs waren so weit, absorbiert zu werden.
Niemand der zirka 300 unfreiwilligen Probanden, die hier zur Zeit im anheimelnden Ambiente der vielgerühmten und weithin für ihren guten Ruf bekannten sulianischen Taverne beieinander auf dem verschlissenen Grau des Koliakolteppichs hockten, ahnte, dass er oder sie oder beide, ganz bestimmt aber sowieso alle, in einem ihnen unbekannten, makabren Spiel das Hauptmenü sein würden. Es war keine besondere Ehre, für ein fettes, freßgeiles Qualipularila, wie es der Herrscher Shalogh Kologga eines war, von der kirolanischen Bühne abzutreten - beim ULARETH!! Trotzdem gelang es niemandem, sich der magischen Klebfalle aus schwirrenden, hypnotischen Klangfolgen zu entziehen. Im Gegenteil, je länger sie zuhörten, umso mehr sponn sich der feine, jedoch äußerst zähe Kokon aus Myriaden feuchter Ektoplasmafäden um die sich wiegenden und ekstasisch zuckenden Lillsetrengs. Dann geschah es.
Der erste Lillsetreng erstarrte wie eine Salzsäule mitten in der Bewegung. Der Kokon hatte jetzt eine elfenbeinfarbene, kristallharte Oberfläche. Leise knackend, ein Geräusch wie zersplitterndes Glas erfüllte den kubischen Raum mit den mächtigen Orayuholzbalken an der Decke, begann er von innen heraus zirkonhaft zu flirren. Gleichzeitig glomm in Horendirarick Kamblarans funkelnden Augen ein gieriger Schimmer auf. Die Pupillen seiner klar leuchtenden Bernsteinaugen sogen mit fast sexueller Befriedigung das Geschehen vor der Bühne auf. Einer nach dem anderen verwandelte sich in einen länglichen, zwei Meter hohen Kokon, in dem Schlimmes vor sich ging. Horendirarick spielte ohne Gnade weiter, bis auch der letzte Sarb schließlich dem tödlich- hypnotischen Sound der Fatalanga unterlag.
Die zirka 300 eingesponnenen und stocksteifen Lillsetrengs wirkten wie das Gelege einer riesigen Ameisenkönigin oder wie ein Opalwald, der ein irrisierendes Licht im anheimelnd schummrigen Ambiente des Gnubbelwurtsch verbreitete.
Die Lillsetrengs wurden von den Häschern verächtlich Sarb genannt, was soviel wie Abfall bedeutete. Auf jeden Fremden mußte das schrecklich lebensverachtend wirken, obwohl genau das Gegenteil der Fall war. Der graugrünblaue Planet Kolipparida im Sternensystem der achten Zukunft, irgendwo zwischen hier und dort in den unermeßlichen Weiten des unendlichen oder letztendlich doch endlichen Weltalls, gehörte zu jenen Welten, auf denen Evolution eine vollkommen andere Bedeutung hatte, als auf anderen, vergleichbaren Welten. Am nächsten kam noch das Verhalten der Lemminge auf dem Planeten Erde in der Milchstraße von Tolambinur; Quadrant 2794127564390456. Die Kolipparidaner, beziehungsweise die Gorlots, so hieß die Rasse der Häscher, überwachten die Populationen der Lillsetrengs, die in einem einzigen Kopulationsrausch auf einen Schlag mehr als 78 Nachkommen erzeugen konnten, und das bei einer Tragzeit von etwa drei Standardwochen.
Eine derartige Invasion erforderte irgendwann in grauer Vorzeit auf dieser Welt drastische Gegenmaßnahmen, wollten die Gorlots nicht ins Gras beißen, das es auf dem Planeten nicht gab. So erfand man die Fatalanga, ein zu blasendes Musikinstrument, das wie die armlangen Krummhörner der gigantischen Mellaghbüffel geformt war, die in den stinkenden Sümpfen nordwestlich der Stadt Kubath lebten.
Lillsetrengs erinnerten in ihrem Aussehen an aufrecht gehende Hasen mit kurzen, kahlgrünen Ohren und seltsam nach unten gebogener Schnauze. Sie waren intelligent, doch sie besaßen keine Verbindungsnerven, um diese gewaltige Energie zu nutzen. Statt dessen kopulierten sie rund um die Welt und hinterließen Gelege, die binnen 17 Tagen einen Landstrich von achtzehn Quadratmeilen unbewohnbar für jedes andere Lebewesen machten. Darum herrschten auf Kolipparida eigene Gesetze, die nichts mit den ethisch/moralischen Vorstellungen anderer bewohnter Planeten gemeinsam hatten.

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